Rückepferde im Wald: NRW fördert schonende Holzernte
Ministerin Gorißen stellt in Windeck neues Förderprogramm für den Einsatz von Pferden bei der Waldbewirtschaftung vor
Nordrhein-Westfalen setzt auf eine alte Methode mit neuem Fördergeld: Das Land unterstützt künftig den Einsatz von Rückepferden bei der Waldbewirtschaftung. Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen stellte das neue Förderangebot am Mittwoch, 20. Mai 2026, im bergischen Windeck vor. Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer sollen damit einen finanziellen Anreiz erhalten, auf bodenschonende und naturverträgliche Holzernte umzustellen.
Pferdestärken statt Schwermaschinerie
Im dichten Geäst des Bergischen Landes, wo schwere Forstmaschinen oft mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen, sollen künftig wieder Pferde die Arbeit übernehmen. Das Land NRW stellt dafür erstmals ein eigenes Förderprogramm bereit, das den Einsatz sogenannter Rückepferde beim Holzeinschlag finanziell attraktiver machen soll. Rückepferde ziehen gefällte Baumstämme schonend aus dem Bestand heraus – ohne tiefe Fahrspuren, ohne verdichteten Boden, ohne die Zerstörung von Jungpflanzen und Wurzelwerk, die schwere Harvester hinterlassen.
Ministerin Silke Gorißen reiste eigens nach Windeck im Rhein-Sieg-Kreis, um das Programm vorzustellen – eine Region, die selbst mit den Folgen von Sturmschäden und Trockenstress kämpft und exemplarisch für viele Wälder in NRW steht. Gorißen betonte, der Wald brauche nach Jahren von Dürre, Borkenkäfer und Sturmtief eine besonders behutsame Behandlung. Der Einsatz von Pferden sei dabei mehr als ein nostalgisches Symbol: Es sei eine wirksame Antwort auf die Anforderungen eines klimaresilienten Waldbaus.
Was das Programm konkret vorsieht
Das neue Förderangebot richtet sich an privaten und kommunalen Waldbesitz in Nordrhein-Westfalen. Gefördert werden die Mehrkosten, die beim Einsatz von Rückepferden gegenüber konventioneller Maschinentechnik entstehen. Denn Pferderücken ist personalintensiver, erfordert speziell ausgebildete Forstleute – sogenannte Holzrücker mit Gespann – und ist pro Festmeter teurer als der Maschineneinsatz. Genau diese Differenz soll das Land künftig teilweise ausgleichen.
Die Förderung ist Teil der nordrhein-westfälischen Waldstrategie, die darauf abzielt, den Wald widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen. Bodenverdichtung gilt dabei als eines der unterschätztesten Probleme: Wo schwere Maschinen fahren, leidet die Bodenstruktur für Jahrzehnte – mit Folgen für Wasserhaushalt, Wurzelentwicklung und die Verjüngung des Waldes. Rückepferde hinterlassen dagegen kaum Spuren, die über das natürliche Maß hinausgehen.
Eine Renaissance mit Tradition
Die Methode des Pferderückens ist so alt wie der Wald selbst – und wurde in den vergangenen Jahrzehnten von der Mechanisierung der Forstwirtschaft nahezu verdrängt. Doch der Klimawandel hat das Blatt gewendet. In Bayern, Baden-Württemberg und Österreich erlebt das Pferd im Wald seit einigen Jahren eine leise Renaissance, insbesondere in sensiblen Hanglagen, in Naturschutzgebieten und in kleinstrukturierten Privatwäldern. NRW greift diese Entwicklung nun mit einem institutionalisierten Förderprogramm auf.
Forstfachleute begrüßen den Schritt grundsätzlich, mahnen aber zugleich zur Nüchternheit: Rückepferde sind kein Allheilmittel und nicht für alle Waldlagen geeignet. Bei großflächigen Kalamitätsflächen oder starkem Gefälle stoßen auch Gespanne an ihre Grenzen. Das Programm fügt sich dennoch sinnvoll in ein breiteres Instrumentarium ein, das NRW für den Waldumbau und die Waldpflege bereitstellt.
Windeck als Kulisse mit Botschaft
Die Wahl des Veranstaltungsortes war kein Zufall. Windeck gehört zu den Kommunen im Bergischen Land, die in den vergangenen Jahren erhebliche Waldflächen durch Borkenkäfer und Dürre verloren haben. Die Wälder dort sind vielfach in einem Übergangsstadium: Zwischen abgestorbenen Fichten-Monokulturen und jungen Laubholzkulturen, die noch empfindlich auf mechanische Eingriffe reagieren. Gerade hier, so die Botschaft der Ministerin, könne das Pferd seine Stärken ausspielen.
Ob das neue Programm tatsächlich eine spürbare Wirkung entfaltet, wird auch davon abhängen, wie viele Forstbetriebe und Waldbesitzer überhaupt Zugang zu ausgebildeten Gespannführerinnen und Gespannführern haben. Die Zahl der lizenzierten Holzrücker mit Pferd ist in NRW begrenzt. Fördergelder allein schaffen noch keine Fachkräfte. Das Ministerium müsste also parallel auch in Ausbildung und Qualifizierung investieren, wenn das Programm über eine Nischenlösung hinauswachsen soll.
Hintergrund
Rückepferde werden eingesetzt, um gefällte Baumstämme aus dem Waldbestand zu einer Rückegasse oder einem Lagerplatz zu ziehen. Im Unterschied zu Forstmaschinen wie Harvestern oder Rückemaschinen verdichten sie den Waldboden kaum, schonen die verbleibenden Bäume und ermöglichen auch den Einsatz in steilem oder engem Gelände. In der industriellen Forstwirtschaft wurden Pferde ab den 1960er-Jahren weitgehend durch Maschinen ersetzt. Seit etwa zwei Jahrzehnten wächst das Interesse an der Methode wieder, vor allem im Kontext naturnaher Waldwirtschaft und Klimaanpassung. Das NRW-Umweltministerium unter Silke Gorißen hat die Waldstrategie NRW als Rahmenwerk für einen klimaresilienten Umbau der Wälder im Land entwickelt. Ziel ist unter anderem die Förderung artenreicher Mischwälder und schonender Bewirtschaftungsmethoden.