Wirtschaft & Arbeit

NRW-Wirtschaft 2026: Minimales Wachstum trotz Iran-Krieg

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Das RWI prognostiziert für NRW ein Plus von 0,5 Prozent – doch neue geopolitische Risiken bremsen den Aufschwung

Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hat seinen aktuellen Konjunkturbericht für Nordrhein-Westfalen vorgelegt und erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. Damit bleibt NRW knapp unter dem bundesweiten Prognosewert von 0,6 Prozent. Als neue Belastung identifizieren die Forscher insbesondere den Konflikt im Nahen Osten und dessen Folgen für Energiemärkte und Lieferketten.

  • RWI prognostiziert 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum für NRW im Jahr 2026
  • Bundesweite Prognose liegt bei 0,6 Prozent – NRW bleibt leicht dahinter
  • Iran-Krieg gilt als neue zentrale Belastung für Energiepreise und Lieferketten
  • Exportorientierte Industrie in NRW besonders von geopolitischen Risiken betroffen
  • Binnennachfrage und Arbeitsmarkt zeigen sich vergleichsweise stabil

Verhaltene Hoffnung: NRW-Wirtschaft wächst – aber kaum

Es ist kein Aufbruch, aber auch kein Absturz: Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, ansässig in Essen und eine der renommiertesten Wirtschaftsforschungseinrichtungen Deutschlands, hat seinen jüngsten Konjunkturbericht für Nordrhein-Westfalen vorgelegt. Das Ergebnis ist ernüchternd und zugleich verhalten optimistisch: Die Wirtschaft des bevölkerungsreichsten Bundeslandes soll 2026 um 0,5 Prozent wachsen. Zum Vergleich: Für Deutschland insgesamt erwartet das Institut 0,6 Prozent. Der Abstand ist gering, aber symbolisch – NRW hinkt dem Bundesdurchschnitt weiterhin knapp hinterher.

Die Prognose steht unter dem Vorzeichen einer zunehmend unruhigen Weltlage. Denn mit dem Konflikt im Iran und seinen Auswirkungen auf den gesamten Nahen Osten ist eine neue geopolitische Variable in die Wirtschaftsberechnung eingeflossen, die vor Jahresfrist noch kaum jemand auf dem Zettel hatte. Die Forscher des RWI sprechen in ihrem Bericht von einem der zentralen Risikofaktoren für die konjunkturelle Entwicklung – nicht nur in NRW, sondern im gesamten Euroraum.

Energiepreise, Lieferketten, Exportmärkte: Die Risiken im Detail

Wer verstehen will, warum ein Konflikt am Persischen Golf die Wirtschaft in Dortmund, Düsseldorf oder Duisburg bremst, muss sich die Struktur der nordrhein-westfälischen Wirtschaft vor Augen führen. NRW ist nach wie vor ein industrielles Schwergewicht: Stahl, Chemie, Maschinenbau, Automobilzulieferer – Branchen, die auf funktionierende globale Lieferketten und bezahlbare Energiepreise angewiesen sind wie kaum eine andere Region Europas.

Genau hier setzt das RWI an: Steigende Ölpreise in Folge des Iran-Konflikts verteuern Produktion und Transport. Unsichere Seehandelswege im Persischen Golf und im Roten Meer zwingen Unternehmen zu Umwegen und höheren Versicherungsprämien. Und die ohnehin fragile Erholung der deutschen Exportwirtschaft nach den Krisenjahren 2022 bis 2024 droht erneut ins Stocken zu geraten, weil Abnehmer in Nahost und Asien ihrerseits mit den Folgen des Konflikts kämpfen.

Einordnung

Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung gehört zur Leibniz-Gemeinschaft und gilt als eine der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum. Seine regionalen Konjunkturberichte für NRW sind seit Jahren ein wichtiges Instrument für politische und unternehmerische Entscheidungsträger im Land. Die Prognosen des RWI fließen regelmäßig in die Haushaltsplanungen der Landesregierung ein und werden von Industrie- und Handelskammern sowie Wirtschaftsverbänden als Orientierungsgröße genutzt. Ein Wachstum von 0,5 Prozent ist historisch gesehen sehr schwach – zum Vergleich: In den Jahren vor der Corona-Pandemie lag das NRW-Wachstum in guten Jahren zwischen 1,5 und 2,5 Prozent.

Stabiler Arbeitsmarkt als Anker – aber wie lange noch?

Inmitten der Risikobeschreibungen findet der Bericht auch Lichtblicke. Der nordrhein-westfälische Arbeitsmarkt zeigt sich trotz aller konjunkturellen Schwäche vergleichsweise robust. Die Binnennachfrage – also das, was die Menschen im Land selbst konsumieren – hält sich stabil. Real gestiegene Löhne der vergangenen Jahre stützen den privaten Konsum, auch wenn die Kauflaune angesichts globaler Unsicherheiten gedrückt bleibt.

Besonders interessant ist die regionale Differenzierung, die das RWI andeutet: Während die klassischen Industriestandorte im Ruhrgebiet und im Rheinischen Revier weiter mit Strukturwandel und schwacher Nachfrage aus dem Ausland kämpfen, zeigen sich Dienstleistungszentren wie Düsseldorf oder Teile des Münsterlandes widerstandsfähiger. Diese strukturelle Spaltung ist kein neues Phänomen in NRW – aber sie verschärft sich in Krisenzeiten.

Konjunktur im Schatten der Weltpolitik

Was der neue RWI-Bericht letztlich dokumentiert, ist eine unbequeme Wahrheit: Die NRW-Wirtschaft hat sich aus der tiefen Delle der Vorjahre noch immer nicht vollständig befreit. Das Plus von 0,5 Prozent ist kein Aufschwung, sondern allenfalls ein tastender Schritt in Richtung Stabilisierung. Und dieser Schritt geschieht unter erschwerten Bedingungen, auf die weder die Landesregierung noch die Unternehmen in NRW direkten Einfluss haben.

Die Botschaft der Essener Ökonomen an Politik und Wirtschaft ist deshalb sowohl nüchtern als auch dringlich: Die externe Schockresistenz der NRW-Wirtschaft muss gestärkt werden – durch Investitionen in Energieunabhängigkeit, durch Diversifizierung der Exportmärkte und durch entschlossenen Bürokratieabbau, der Unternehmen in unruhigen Zeiten mehr Agilität erlaubt. Dass all dies leichter gefordert als umgesetzt ist, weiß man auch in Essen. Aber die Zahlen sprechen für sich.